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Ein neuer Trend kursiert. Fashion-, Vintage-, und Lifestyle-Fotografen aus aller Welt arbeiten zur Zeit mit einer ganz bestimmten Bearbeitungstechnik. Die Rede ist von der Punktverschiebung. Im folgenden Beitrag, werde ich ausführlich auf diese Technik eingehen, sie euch erklären und euch eine Aktion verschenken, die für diese Technik erstellt wurde – Melancholia.
Vorweg, als ich versuchte hinter die Tricks von Nirrimi, Ann He, Christoph Schaller und Co zu kommen, wurden mir einige Steine in den Weg gelegt. Die Künstler selbst antworteten nicht und viele befreundete Fotografen wollten ihre Bildbearbeitungstechniken nicht preis geben, in der Befürchtung man könne sie aus ihrem Geschäft drängen.
Eines ist klar, bisher gab es noch keine Bildbearbeitungstechnik, die nicht von einem Anderen “geknackt” wurde. Die Methode die ich euch heute präsentiere, ist nur mein persönlicher Lösungsansatz und nicht die ultimative Antwort!
Ohne die Hilfe der überaus talentierten Maggy, wäre dieser Beitrag nicht möglich gewesen. Sie war es die Person, welche mich zur Preisgabe meines bisherigen Wissens motivierte und mich mit hochwertigen Bildmaterial aktiv unterstützte. Vielen vielen Dank Maggy! An alle Leser, behaltet Maggy im Auge, sie ist zwar noch blutjung doch bereits jetzt schon talentierter als ich es bin.
Screencast (for my INTERNATIONAL AUDIENCE)
Technische Hintergründe
Es ist nicht nur die Bildbearbeitung die diesen Bildstil ausmacht, eine große Rolle spielt auch das Equipment. Alle oben genannten Fotografen, inklusive Maggy setzen auf das Vollformat und meist auf nifty fifty, also ein 50mm-Objektiv. Der Vorteil bei Festbrennweiten ist der, das sie wesentlich lichtempfindlicher sind und man mit sehr großen Blenden arbeiten kann (z.B. f1.4). Diese Blende ermöglicht euch die Freistellung eures Motivs vom Hintergrund. Ohne eine große Blende, werdet ihr nicht diesen Bildlook erzeugen können, da hilft Onkel Gauß auch nicht weiter.
Was ihr auch beachten müsst, ist die Einstellung eurer Kamera. Bei meiner eigenwilligen kleinen Canon muss ich tricksen um solche Resultate zu erzielen. Ich stelle meine Kamera auf Spotmessung und fokussiere auf die Augen der Person. Die Augen sind das wichtigste. Mit einer großen Blende kann es passieren, das die Nasenspitze scharf ist und die Augen unscharf, das Bild ist folglich ruiniert.
Durch die Spotmessung wird das Gesicht, auch was den Kontrast angeht, vom Hintergrund isoliert. So kann man quasi die Eigenwilligkeit einer Analogaufnahme nachahmen. Um die Überbelichtung durch die große Blende zu kompensieren, setze ich gerne auf eine leichte Unterbelichtung. Beim Vollformat wird das weniger notwendig sein da diese Kameras wesentlich akkurater arbeiten als Kameras mit Crop-Sensor.
Die Bildbearbeitung
Die Bildbearbeitung besteht aus drei elementaren Schritten. Effekt, Kontrast, Farbgebung.
Schritt 1 | Vorbereitung
Fotografiert immer im RAW-Format, das ermöglicht euch bei der Bearbeitung wesentlich tiefgreifendere Eingriffe was Kontrast und Farbanpassung betrifft als ein jpg-Bild. Wir öffnen das Bild in Camera-RAW und passen die Belichtung an. Ich bin hier recht grob vorgegangen um habe um eine ganze Stufe erhöht. Hauptsache das Bild wirkt knackig und korrekt belichtet. Ihr könnt noch zusätzlich die Farben anpassen, doch das habe ich mir für die Hauptphase aufgehoben. Ebenfalls wichtig, da der Effekt mit der Verfälschung von Schwarz- und Weißwerten spielt, ändert ggf. den Hintergrund in Photoshop vom Standard-Grau oder Desktop zu Schwarz. Was ich noch gemacht habe ist recht simpel, ich habe das Bild geschärft. Da gibt es viele Möglichkeiten. Ich habe die Hintergrundebene dupliziert und Unscharf Maskieren verwendet, Radius 2 Stärke 75.

Schritt 2 – Der Effekt
Der Effekt ist die wichtigste Einstellungsebene, hier legt ihr fest wie stark er ist. Es gibt hier keine perfekten Werte, jedes Bild ist einzigartig. Was ich recht häufig sehe ist die Entscheidung nach Lichtanteil. Was heißt, hat das Bild mehr Licht als Schatten, werden vor allem die Weißwerte gedämpft. Hat es viele Schatten und wenig helle Areale, werden die Schwarzwerte gedämpft. Zur Verdeutlichung mache ich aber beides. Ich erstelle eine Gradationskurve und nehme mir ganz unten links den Schwarzpunkt und ziehe ihn steil nach oben. Er steht bei mir nun auf den Wert 25:0. Mit dem Weißwert (der sich oben rechts befindet), verfahre ich ähnlich und verschiebe ihn auf dem Punkt 220:255. Da mir die Mitteltöne zu sehr absaufen, erstelle ich einen weiteren Punkt und der Mitte der Kurve und ziehe ihn zum Punkt 140:128.

Schritt 3 – Sättigungsanpassung
Was mir als erstes in’s Auge stach, war der blaue Gehweg. Ich habe also eine Farbton-Sättigung-Einstellungsebene erstellt und folgende Anpassungen vorgenommen:
Sättigung +20
Rot -15
Cyan -25
Blau -100

Schritt 4 – Kontrast zurückholen
Euer Bild wirkt jetzt blass und kontrastarm. Das war jedoch nur die Vorbereitung, jetzt geht es uns daran, den Kontrast wiederherzustellen. Ich habe zum Zurückholen des Kontrasts, 4 Einstellungsebenen erstellt, 2 davon sind wirklich notwendig, die anderen entstanden aus künstlerischer Willkür heraus. Auf dem Bild könnt ihr vier markierte Einstellungsebenen sehen. Diese Einstellungsebenen meine ich. “Abdunkeln” ist eine SW-Einstellungsebene im Modus Multiplizieren und hat eine Deckkraft von genau 50%. SW ist ein Verlauf von Schwarz zu Weiß im Modus Luminanz, wollt ihr ein monochromes Bild, wie es von Melancholia produziert wird, lasst diese Ebene im Modus Normal und überspringt Schritt 5. Kontrast I ist eine Gradationskurve im Modus Luminanz. Der Modus ist wichtig, sonst verfälscht ihr eure Farben! Die Gradationskurve beinhaltet vier Punkte mit folgenden Koordinaten: 0:10 | 28:38 | 144:132 | 255:255. Die Einstellungsebene die ich “Boost” getauft habe, beinhaltet ebenfalls eine Gradationskurve auf Luminanz mit einem Punkt bei 160:128, die Deckkraft habe ich auf 90% reduziert, weil es mir doch ein wenig zu stark und die Lichter beinahe ausfraßen.
Ihr könnt aber auch nur eine Gradationskurve verwenden, wichtig hierbei: Modus Luminanz, Mitteltöne oder Lichter anheben, Schatten abdunkeln, also eine Quasimodo-Kurve.

Schritt 5 – Farbkurve
Die Farbkurve ist eine Wissenschaft für sich, und der Knackpunkt dieser Technik. Hier müsst ihr üben üben und nochmals üben, und viel ausprobieren! Wer zu viel Geld hat, kann in Nirrimi’s Color Shop sich Farbsettings kaufen. Wer sparen möchte und ebenfalls brilliante Farbkurven verwenden möchte, geht zum Blog von Julia Trotti, ebenfalls einer begnadeten Lifestyle- und Fashion-Fotografin. (oberste Liga und kein Stück eingebildet). Jeden Freitag verschenkt sie ein Farb-Preset an ihre Besucher, es lohnt sich sehr, ich habe und nutze um die 20 ihrer Presets, doch bei diesem Bild, habe ich selbst experimentiert. Erstellt also eine Gradationskurve, belasst sie im Modus Normal, achtet wieder darauf das sie unter der Effekt-Gradationskurve liegt, und beginnt mit der Farbmanipulation. Geht auf die Kanäle der Gradationskurve (Rot, Grün, Blau) und spielt dort mit den Kurven. Hier gibt es keine konkrete Anleitung, das ist viel Experimentiererei. Hier meine Settings:
Rot 0:0 | 64:64 | 250:195 | 255:245
Grün 0:15 | 87:92 | 178:174 | 255:255
Blau 13:0 | 25:55 | 190:175 | 255:255
Die Deckkraft habe ich auf 60% reduziert, da ich die Natürlichkeit der Aufnahme erhalten wollte. Selbstverständlich müsst ihr euch nicht daran halten. Alles eine Frage des Geschmacks.

So das war’s! das Bild ist für mich vollendet und ich hoffe, meine Anleitung hat euch ein wenig weitergebracht.

Um den Effekt zu verdeutlichen, habe ich noch eine weitere Variante erstellt. Alle Einstellungen sind identisch, abgesehen von der Effekt-Kurve die bei den Schatten nun einen Wert von 40:0 hat, dadurch wirkt das Bild deutlich milchiger!

Photoshop Action: Melancholia
Melancholia ist eine Photoshop-Action die ursprünglich darauf ausgelegt war, den analogen Monochromlook der 60er-Jahre zu simulieren. Sie eignet sich aber auch hervorragend für solche Processings. Wer eine Farbversion seines Bildes haben möchte, muss nur die Verlaufsebene deaktivieren und (wenn er einen speziellen Farblook haben möchte) eine Gradationskurve erstellen, wo die Farben manipuliert werden können. Immer unterhalb des Effekts!
Das Bild wirkt nach Anwendung der Aktion kontrastarm, hier müsst ihr dringend mit der dafür vorgesehen Gradationskurve nachbessern, Mitteltöne hoch, Schatten runter… voila! Knackiger Kontrast bei milchigem Analog-Look!

